Eindrücke von den internationale Stummfilmtagen in Bonn (2017)

 von Elmar Podlasly

ALICES HÜHNERFARM (Walt Disney, USA 1925)

Am vierten Tag lief als Vorfilm ALICE´S EGG PLANT (Originaltitel). Lange vor Micky & Donald fungieren hier ein Kater und das Mädchen Alice als Disneys Hauptfiguren. Letztere ist eine reale Schauspielerin, die in den Film hineinkopiert wurde. Alice besitzt eine Hühnerfarm und der Kater ist ihr unbarmherziger Vorarbeiter, welcher die Hühner zum Eierlegen antreibt. Eines Tages erscheint ein kommunistischer Hahn („Little Red Henski“) auf der Farm und wiegelt die Hühner just in dem Moment auf, als ein großer Auftrag über 5000 Eier eingeht…

Der Film ist Teil einer Disney-Serie: ALICE IN CARTOONLAND. Die Idee wurde von Disneys Konkurrenten Max Fleischer und dessen Serie OUT OF THE INKWELL (eine Folge daraus gab es beim Bonner Sommerkino 2016 zu sehen) abgekupfert und der Kater erinnert stark an FELIX THE CAT. Witzig animiert ist er trotzdem und auch die Figur des Hühner-Agitators Little Red Henski ist ein ziemlicher Brüller. Als kleine Akzentuierung des Hauptfilm des Abends war ALICES HÜHNERFARM gut ausgesucht.

DER ADJUTANT DES ZAREN (Vladimir Strijewskij, Deutschland 1929)

IM

Der Flügeladjutant des Zaren, Fürst Kurbsky (Iwan Mosjukin), lernt auf einer Zugfahrt nach St. Petersburg die schöne Italienerin mit dem subtilen Namen Helena di Armore (Carmen Boni) kennen. Als ihre Tasche mit den Ausweispapieren gestohlen wird, gibt er sie als seine Frau aus, damit sie dennoch nach Russland einreisen kann. Dummerweise bekommt dies einer seiner Kameraden mit und denkt, die beiden wären tatsächlich verheiratet. Er telegrafiert diese Neuigkeit voraus und nach ihrer Ankunft wird den beiden ein großer Empfang bereitet, sodass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als die Farce weiterzuspielen. Kurbsky verliebt sich infolgedessen in Helena und schließlich heiraten sie wirklich. Erst danach findet er durch Zufall heraus, wer seine Braut eigentlich ist: Sie gehört einer Gruppe Revolutionären an, die ein Attentat auf den Zaren plant, an welchen sie über Kurbsky herankommen wollen. Helena liebt inzwischen aber auch Kurbsky und ist bereit, sich von ihm ins Ausland schicken zu lassen. Doch sie wird von ihren ehemaligen Mitverschwörern abgefangen: Sie drohen an, Kurbsky zu ermorden, wenn sie nicht das geplante Attentat durchführt…

Iwan Mosjukin (1889 – 1939) war der erste Filmstar zur Zeit des russischen Kaiserreiches. Nach den Revolutionswirren emigrierte er 1919 nach Frankreich und spielte in deutschen und französischen Produktionen mit, wobei er oft unter der Regie anderer Exil-Russen tätig war. Sein größter Erfolg war die Titelrolle in der deutsch-französischen Produktion DER KURIER DES ZAREN von 1926, deren Erfolg ihm sogar ein späteres Gastspiel in Hollywood ermöglichte. Deswegen versuchten mehrere seiner späteren Filme mit ähnlichen Titeln, an diesen Erfolg anzuknüpfen:1928 DER GEHEIME KURIER und eben 1929 DER ADJUTANT DES ZAREN. Mosjukin war einer der großen Stummfilmstars, dessen Karriere zu Beginn des Tonfilmzeitalters schnell endete, woran sein starker russischer Akzent schuld gewesen sein soll. Er starb 1939 vergessen und verarmt in Paris.

Mosjukin war (und ist auch noch) ein ausgesprochener Frauenliebling. Die Übersetzerin des Festivals, Andrea Kirchhartz, schwärmt mir seit Ewigkeiten von ihm vor und hält gerne spontan lange Monologe über seine Vorzüge und Qualitäten. DER ADJUTANT DES ZAREN war mein erster Mosjukin-Film: Anfänglich war ich sehr enttäuscht, da ich die Faszination mit ihm nicht wirklich nachvollziehen konnte. Ich muss aber zugeben, dass er mir im Laufe des Films etwas näher kam und ich durchaus neugierig auf mehr wurde. Die gezeigte Kopie des Films ist eine Wiederentdeckung aus Dänemark und wurde bisher noch nicht restauriert. So entsteht der seltsame Effekt, dass Mosjukin in jeder Großaufnahme -und derer gibt es viele- sehr unscharf aussieht. Vermutlich hat man, um den Star (immerhin hier schon mindestens 40 Jahre alt) jünger wirken zu lassen, einen starken Weichzeichner eingesetzt- was damals hieß, man schmierte Fett auf die Linse oder zog einen Strumpf darüber. Damit hat man hier allerdings deutlich übertrieben. Da wollte ich endlich mal Mosjukin sehen und konnte ihn dann kaum erkennen… -Zumindest beschränkte sich die Fettlinse auf die Großaufnahmen, im Rest des Films konnte man ihn -inklusive seiner Fältchen- sehr gut sehen. Der Film gefiel mir insgesamt ganz gut: Altmodischer Kintopp der russischen Zarenkitsch beschwört, schöne Männer in Uniform zelebriert und lustige, melodramatische und action-lastige Sequenzen hat. Letztere sind mit viel bewegter Kamera gut eingefangen. In einer Nebenrolle ist Hans Albers Schwiegervater Eugen Burg zu sehen. Der Film und insbesondere das Ende hätten vielleicht auch etwas mehr Liebe von Neil Brand, der den Film am Flügel begleitete, verdient gehabt, wobei ich zugeben muss, vielleicht auch durch Andreas dauerhafte Mosjukin-Indoktrinierung für den Film und seinen Hauptdarsteller voreingenommen zu sein.

EDIT: Seit ich diesen Text schrieb sind zeitgenössische Kritiken aufgetaucht, in denen bereits die unscharfen Großaufnahmen bemängelt werden. Es ist also kein Problem einer schlecht erhaltenen Kopie, sondern war von vorneherein einfach verpatzt. Was vielleicht dazu beigetragen hat, das der Film bis vor kurzem vergessen war.

Lieblings-Zwischentitel des Abends:

„Ich könnte Sie schon über die Grenze bringen, aber Vorsicht! – Auf Pass-Schwindel steht Sibirien!“

DER ADJUTANT DES ZAREN

 

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