Stummfilmtage Poster

Eindrücke von den internationale Stummfilmtagen in Bonn

von Elmar Podlasly

1. Tag

Das Bonner Sommerkino geht in seine 33. Runde und gleich zur Eröffnung zeigten sich gleichzeitig sowohl eine Schwäche als auch eine Stärke des Festivals; die Schwäche: Das Wetter. Ein Festival unter freiem Himmel braucht gutes Wetter, welches uns am Eröffnungsabend aber nicht vergönnt war – wer will schon bei 15 Grad und Regen Kino im Freien gucken? Mit diesem Problem hat natürlich jede Open-Air-Veranstaltung zu kämpfen. Die Bonner sind vorbereitet und sind trotz des Schietwetters zahlreich erschienen und ihre Einstellung ist ansteckend – damit sind wir bei der Stärke. Und kaum sehe ich Chaplin auf der Leinwand, von Joachim Bärenz (der sich mit dem Flügel unter die Arkaden zurückziehen musste) begleitet, ist plötzlich alles andere Vergessen; der Stress, die Anreise im überfüllten Zug, die Rückenschmerzen, der Regen… Endlich bin ich angekommen!

Der Eröffnungsabend bot in gewohnter Manier einen Kurzfilm und einen Spielfilm. An den Wochenenden werden es jeweils zwei Spielfilme pro Abend sein.

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VERGNÜGTE STUNDEN (Charles Chaplin, USA 1919)

Ein Kurzfilm, den Chaplin eigentlich nur drehte, weil er einen fertigen Film zu einem bestimmten Termin abliefern musste, mit seinem Film THE KID aber zu diesem Termin noch nicht fertig war. Das Programmheft nennt den Film ein „Nebenwerk“, was vielleicht eher die Erwartungshaltung senken könnte. A DAY’S PLEASURE (Originaltitel) bietet zwar keine vergnügten Stunden, immerhin aber köstliche 20 Minuten. Es geht um einen sonntäglichen Familienausflug, den Charlie mit seiner Familie unternimmt. Erst streikt das Auto, dann gibt es Probleme im Straßenverkehr und schließlich mündet die Fahrt auf einem Vergnügungsdampfer in einer bizarren Tanzveranstaltung, die mit Seekrankheit und allerlei Missverständnissen einhergeht. Klar lacht man heute nicht mehr so sehr über Chaplin, wie es das Publikum damals weltweit getan hat, aber auch hier ist das Bonner Publikum weit vorne. Es wurde viel und laut gelacht, was ansteckend wirkte. Als Besonderheit gab es eine restaurierte Version des Films zu sehen, welche sich von auf DVD veröffentlichten Fassungen insofern unterscheidet, als dass sie dichter an der Urversion von 1919 liegen soll.

Ein Phänomen, das mich immer wieder fasziniert, sind kulturelle Anspielungen, die mit der Zeit verloren gehen. Ein Beispiel aus dem Chaplin-Film ist wahrscheinlich gleich der zweite Zwischentitel „Everybody’s Doing It“- eine Anspielung auf einen damals populären Song von Irving Berlin, wozu man den „Shimmy“ tanzte.

Einen zeitweise sogar verbotenen Tanz, berühmt gemacht u.a. durch Mae West, bei dem man aus dem Stand den Oberkörper wild schüttelt (und Frauen somit ihre Brüste, daher wohl das Verbot). Chaplin spielt darauf an, indem seine ganze Familie im Auto durchgerüttelt wird, sobald er den Motor seines Schrottautos anwirft. Heute leben wir im Zeitalter von South Park und den Simpsons, deren Erfolgskonzept zum großen Teil auf dem Verstehen und (Wieder-) Erkennen popkultureller Anspielungen basiert. Wird irgendjemand in 100 Jahren noch etwas davon begreifen? Chaplin funktioniert jedenfalls auch nach fast hundert Jahren immer noch hervorragend, auch wenn einem die kulturellen Hintergründe der Entstehungszeit unbekannt sind.

DIE KLEINE VERONIKA (Robert Land, Österreich 1929)

Der erste Langfilm des Festivals ist eine Wiederentdeckung des Filmarchivs Austria. In einer sehr schönen Einführung, inklusive eines Exkurses über die „von Krise zu Krise“ hoppelnde Filmindustrie Österreichs entschuldigte sich Nikolaus Wostry vom Filmarchiv beinahe schon für den Film, was in Anbetracht der wirklich schönen Verfilmung eines Romans von Felix Salten („Bambi“) nicht nötig gewesen wäre.

Der Film erzählt die klassische Geschichte der Unschuld vom Lande, die im Sündenpfuhl der Großstadt verloren geht.

Die 15jährige Veronika (Käthe von Nagy) lebt in der ländlichen Idylle Österreichs. Anlässlich ihrer Firmung wird sie von ihrer Tante (Maly Delschaft) nach Wien eingeladen, wo diese angeblich reich geworden ist. Nachdem Veronika in Wien angekommen ist, wird dem Zuschauer sofort klar, was die naive Veronika nicht versteht: Die Tante ist eine Prostituierte. Und die männlichen Bekannten welche ihr ständig über den Weg laufen, sind ihre Kunden, die ihre gierigen Blicke auch auf das Mädchen richten. Während einer durchzechten Nacht vergisst die Tante ihre Aufsichtspflicht und Veronika fällt einem schmierigen Salon-Gigolo zum Opfer…

Die oft gesehene Geschichte wäre ein guter Stoff für eine düster-dramatische Tragödie, wie es sie in den 20er Jahren häufig gab. Aber Regisseur Land legt das Augenmerk eher auf eine Milieuzeichnung, die beinahe schon einladend wirkt. Man sieht einiges vom Vorkriegswien, tolle Aufnahmen vom Prater und statt dunkler Noir-Optik setzte man eher auf weiches, diffuses Licht mit wenigen Schatten. Erwähnt werden muss dabei auch, dass die Darstellung des ländlichen Idylls am Anfang des Films ähnlich liebevoll inszeniert und um Authentizität bemüht ist und an Originalschauplätzen statt im Studio gedreht wurde. Darauf bezog sich die eingangs erwähnte Entschuldigung von Nikolaus Wostry, der nach eigenen Angaben diesen Teil des Films erst nach mehrfacher Sichtung zu schätzen wusste. Eigentlich war es ganz clever von ihm, den Wetter-geplagten Zuschauer vorzuwarnen, dass der Beginn des Films etwas langsam ist. Ich habe tatsächlich einen Moment gebraucht, um mich in den Film hineinzufinden – nach Chaplin hat es aber auch jeder Film erst einmal schwer. Was den Film schließlich über das Niveau seiner Geschichte hebt, sind die hervorragenden Darsteller. Käthe von Nagy als Veronika trägt den gesamten Film. Sie spielt den Teenager vom Land so überzeugend natürlich und mit jugendlicher Strahlkraft, dass man nicht merkt, dass sie bereits 25 ist (für viele Filmschauspielerinnen damals schon ein gesetztes Alter), während ihre Tante im Film, Maly Delschaft (die mich hier ein wenig an Marlene Dietrich erinnerte– angeblich war die in Hamburg geborene Schauspielerin mal im Gespräch für die Rolle im „Blauen Engel“, mit der Marlene dann weltberühmt wurde), in Wirklichkeit nur 6 Jahre älter war. Auch die schmierigen Freier, und anderen Prostituierten, wurden allesamt hervorragend gespielt. Der Film wurde in Frankreich wiedergefunden und bei den neu übersetzten Zwischentiteln wurde bewusst auf Hochdeutsch gesetzt. Trotzdem hörte ich in meinem Kopf den Wiener Dialekt… Joachim Bärenz ließ auch bei seiner Begleitung am Flügel viele bekannte Wiener Melodien mit einfließen. Das Ende des Films wurde in 2 unterschiedlichen Versionen gedreht, wobei nur das Happy End überlebte, was einen so unglaubwürdig überzogenen Eindruck macht, dass es unfreiwillig komisch wirkt und auch in Bonn für verhaltenes Gelächter sorgte (eine im Programmheft zitierte Kritik von 1930 spricht davon, dass Saltens Werk „geradezu vandalische Gewalt“ angetan worden sei).

Ein gelungener Festival-Auftakt.

Lieblingszwischentitel des Tages:

„The end of a perfect day“

(aus VERGNÜGTE STUNDEN)

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